24.01.2008

SLUT StillNo1 Biographie 2007


SLUT
"StillNo1"
VÖ: 25.01.2008

Dass die Wege von Slut unorthodox sind, ist bekannt. Nun ist klar, dass ihr Ausflug ins Theaterfach nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang war.

Nach einer Version von Brechts "Dreigroschenoper", die den internationalen Feuilleton erheblich beeindruckt zeigte, und vier Jahre nach "All We Need Is Silence" meldet sich das Verweigererkollektiv jetzt nämlich mit Pauken, Trompeten und Donnerhall zurück.
Mit einem Album, dessen Titel jeder verstehen darf, wie er gerne möchte. Mit einem Album, das jedoch unmissverständlich artikuliert, warum Slut seit jeher eine Sonderrolle einnimmt.

Die Zeit von Purismus und Reduktion ist jedenfalls vorbei. Slut haben einen neuen Spielplatz gefunden - eine Arena, deren Ausmaße offenbar gigantisch sind. Wo zuletzt spartanisch instrumentiert wurde, schöpft man diesmal (mit Chören, Akkordeon, Streichern, singenden Sägen, Klavier, Bläsern und den obligat apokalyptischen Gitarrenwänden) aus einem Fundus, der nicht vielen Bands zur Verfügung zu stehen scheint. Weder hier, noch anderswo.

Für "Still No1" hätte es zu keinem Zeitpunkt ein Konzept gegeben. Das sechste Studioalbum hätte sich seinen Weg gebahnt, ohne Fragen zu stellen und stattdessen Forderungen gestellt: Kreuzberg statt Weilheim, Wurf statt Plan und eine neue Hand an den Reglern - die Wahl fiel, nachdem man in wenigen Wochen mehrere Produzenten verschlissen hatte, auf Oliver Zülch (The Notwist, Die Ärzte), dessen Philosophie mit der Bandprämisse identisch ist: Spielen statt Reden.
Das Resultat ist ein ungepflegtes, eigensinniges und surreal mächtiges Stück Musik, das im Nachhinein zu erklären der Band nicht leicht fällt. Ein Versuch:

"Beim letzten Studioalbum an einem Punkt angelangt, der hörbar finale Züge trug, musste die Band zurechtkommen mit einem Zustand, den Leere zu nennen keine Übertreibung darstellt. Dass wir jetzt wieder eine Platte veröffentlichen, hat zweierlei Gründe.

Erster Grund: Als wir mit der "Dreigroschenoper" fertig waren, hatten wir eine neue Welt betreten, einen juristischen Krieg mit den Erben Weills verloren und ein Album, auf das wir stolz waren. Und wir wussten, dass wir eine vierjährige Vorbereitung durchlaufen hatten. Auf das, was in diesem Sommer zu "Still No1" wurde.

Zweiter Grund: Ein Vakuum entwickelt Unterdruck und beginnt aufzusaugen, was immer ihm am Wegrand begegnet. Das unsrige war randvoll, als wir vier Jahre nach "All We Need Is Silence" nach Kreuzberg kamen - es war alles schon da und hatte im Laufe der Zeit Gärprozesse durchlaufen. Wir mussten das Fass nur noch aufmachen. Was sich dann in die Bandmaschine ergoss, sprach für sich und entzog sich irgendwann unserer Kontrolle. Mitspielen durften wir schon, aber nach Regeln, die das ungetaufte Album längst vorgegeben hatte. Vierzehn Lieder sind es geworden, elf passen auf StillNo1, der Rest später. Aufbruchstimmung. Wir werden sehen."

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Slut
StillNo1
Track by Track

Sum it up. Der Wegbereiter und die Startrampe für die eigentliche Ouvertüre, für Come On.

Come On. Als ob man in einen Bus einsteigen würden, ohne lange auf ihn gewartet zu haben. Auf dem Ticket lesen Sie "Come get yourself together - let´s try the best we might" und erfahren wo die Reise hingeht: "In this city in denial, in this country full of greed we´ve forgotten who we are and what we need."

Um den Albumtitel StillNo1 ins rechte Licht zu rücken, sei kurz aus dem Refrain zitiert: "Whatever it takes to get numb I´ll be still number one". So tut es, wenn jemand eingestehen muss, seine vermeintlich ewig währende Kindheit endgültig verloren zu haben: "The older we´re getting the less we are able to say" oder "The less we can feel and the sadder we talk the more we must steal from the ones that we love".Noch Fragen? Merci bien.

If I had a heart von vorne bis hinten vor allem Eines: straight. Ein Lied, das schon inden ersten zehn Minuten eine sehr starke Persönlichkeit hatte - wir wollten sie nicht verändern.

Wednesday Es wirken mit: ein Klavier und ein Text von einem Sänger, dem man jedes Wort gleich dreimal und für den doppelten Preis abzukaufen bereit ist. Dafür zieht er sich dann aber auch bis aufs letzte Hemd vor Ihnen aus.

Ariel ist benannt nach dem Luftgeist aus Shakespeare´s "The Tempest", Der Sturm. Auf dünnem Eis, inmitten äolischer Klangsphären und zu allerlei krudem Schlagwerk werden Gründe serviert, Gründe für einen Abschied aus einem Lebensentwurf, den gutzuheißen der Protagonist sich konsequent weigert - bis er sich schlussendlich in Luft auflöst mit den Worten: "This is why I´ve fallen from out of this time".

Better Living nach der zweiten Wiederholung des hymnischen Refrains reißt der Faden, die Bühne wird umgebaut, die Karten neu gemischt. Vielstimmig und unter Zuhilfenahme von Mandolinen und Akkordeons hält der neue Hofstaat Einzug und schwenkt die Fahnen.

Odds and Ends hier schwingt sich unser freudvoll musizierendes Kollektiv zu einer Symphonie von einem Chorus, in dem Ernüchterung euphorisch und mitreißend zum Vortrag gebracht wird "All the things that we have said they won´t matter until we´re dead". Wie zur Bestätigung wird im Schlussteil noch hinterhergeschickt: "We got lost in the battle with Rock´n´Roll".

Failed on you mehr Score als Lied, eine mantrische Bebilderung einer unwirklichen Szenerie. Singen ist hier fast verboten, drum gleicht die Stimme in ihrer Zurückhaltung eher einem Holzblasinstrument. Erst am Schluss, wenn der Druck am höchsten, die Not am größten ist, darf der Vulkan ausbrechen.

Tomorrow will be mine ist ein wichtiges Trinklied, nicht mehr und nicht weniger. Weil Trinken auch wichtig ist. We wanted the drums to roll it all over. They do it. Gut so.

Say Yes To Everything war von Anfang an das Finale. Es reiht sich Teil an Teil, und nach dem letzten Schlussakkord, dem letzten Aufbäumen des Orchesters, sollte man bestenfalls alle erdenklichen Aggregatszustände durchlaufen haben. Zurück an der Bushaltestelle, Ihre Reise ist hier zu Ende. "Thank You for passing us by".