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19. August 2008
Feuerofen, Klangrausch, Hexenkessel: Berlioz’ Symphonie fantastique

»Dieses Orchester gleicht einem Feuerofen", sagte Simon Rattle erst kürzlich über »seine« Berliner Philharmoniker. Er wird sich an diese Worte vielleicht erinnert haben, als am 20. Mai 2008 in der Berliner Philharmonie ein Brand ausbrach, der freilich nicht durch feuriges Musizieren, sondern durch unsachgemäße Schweißarbeiten entstand. Just in diesen Tagen stand auch noch eines der »hitzigsten« Werke der klassischen Musik auf dem Probenplan: Berlioz' Symphonie fantastique. Klassik-Podcast - Episode 25: Liebesbrief in fünf Sätzen
Die Symphonie fantastique — ein schwarz-romantisches Klanggemälde voller Schreckensvisionen eines Drogentrips mit Hexensabbat, Gang zum Schafott und Mordfantasien. Die Philharmonie war nach dem Brand für das Konzert wie für die geplante Live-Aufnahme der Fantastique sowie der Kantate La mort de Cléopâtre gesperrt. Die Aufführung erfolgte daher im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof, die Produktion in der Berliner Jesus Christus-Kirche.
Die Symphonie fantastique — für Rattle eine diskografische Premiere!
Die Symphonie fantastique ist eines der schillerndsten Werke der klassischen Musik, geheimnisumwittert und skandalträchtig, extrem in seinem orchestralen Aufgebot und nach wie vor eine Komposition, die von Orchester wie Dirigenten höchstes Können fordert. Ein Werk also, das wie geschaffen ist für einen Top-Dirigenten wie Simon Rattle - und man reibt sich verblüfft die Augen: Der Maestro, der schon vor seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker besonders gerne im Repertoire musikalischer Enfants terribles schwelgte, hat das Werk noch nie eingespielt - auch nicht in seiner glorreichen Zeit an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra. Bis jetzt.
Susan Graham als »Kleopatra«
Die CD der Berliner Aufnahme ist eine Premiere, ein Markstein in Rattles Diskografie. Und eine Veröffentlichung, die Berlioz gleich zweimal in den Brennpunkt rückt: Die Sinfonie ist gekoppelt mit der Kantate La mort de Cléopâtre — einem der legendären Werke, mit denen sich Berlioz um den begehrten Rompreis bewarb und bei den Herren Professoren mit seiner hitzköpfig-revolutionären Kompositionsweise aneckte. Für den Gesangspart hat Simon Rattle die amerikanische Mezzosopranistin, Spezialistin für französisches Repertoire und Grammy-Gewinnerin Susan Graham eingeladen.
Schwarz-romantische Erzählung« und »Finalorgasmus«
Im Konzert gelang es den Interpreten mitreißend, die Lunte in Berlioz’ spektakulär revolutionärem Werk zum Brennen zu bringen - und die irrwitzigen Orchestereffekte des in der Symphonie fantastique dargestellten Drogen-Trips zum Leben zu erwecken.
So schrieb Peter Uehling in der Berliner Zeitung:
»Von seiner musikalischen Disposition her ist Simon Rattle ein idealer Berlioz-Interpret: Das Interesse am instrumentalen Detail, an seiner Zuspitzung bis zum Zerbrechen der integralen Form teilen Komponist und Dirigent. Und noch in den akustischen Unbilden des Hangars wurde deutlich, wie sehr Rattle die Symphonie fantastique liegt, wie er nicht nur ihre Bizarrerien auf den Punkt bringt, sondern auch miteinander vermitteln kann. Das Finale etwa scheint lose gereiht aus Introduktion, Hexenmusik, Dies irae, Fuge und der schulgerechten Kombination von alledem. Bei Rattle werden Kontraste und Übergänge jedoch so schlüssig gestaltet, dass man einer schwarz-romantischen Erzählung zu lauschen glaubt."
Ähnlich enthusiastisch zeigt sich der Kritiker des Online-Magazins Kultur Extra:
»Und sie luden sich, für den Gesangspart, Susan Graham ein — und die trat auf, als wäre sie, und nicht nur stimmlich, eine Pharaonin selbst ... schier unvergesslich auch, wie sie den letzten Atemzug aus sich zu hauchen sängerisch vermochte, eine Art Finalorgasmus.«
