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13.06.2006

Biografie: Pulse

PINK FLOYD
P.U.L.S.E.

Gigantomanie pur: Als Pink Floyd im Sommer 1994 zu ihrer The Division Bell-Welttournee aufbrachen, umfasste der Tourtross 200 feste Mitarbeiter, die in acht Tourneebussen von Stadt zu Stadt gefahren wurden. 49 Sattelschlepper transportierten das Equipment, davon standen allein 33 Trucks für die 700 Tonnen schwere Stahlkonstruktion der Bühne zur Verfügung. Stattliche 300 Lautsprecherboxen waren im Einsatz, so dass die Crew pro Konzert drei Tage lang nur damit beschäftigt war, die Bühne aufzubauen und herzurichten. Und das alles an jedem Spielort neu. Gigantisch waren aber nicht nur Personal und Material, sondern auch das musikalische Programm der Konzertreise, das die britische Rocklegende ihren restlosen begeisterten Fans präsentierte. Neben Megahits wie ´Another Brick In The Wall`, ´Shine On You Crazy Diamonds`, ´Wish You Were Here`, ´Comfortably Numb` oder ´Astronomy Domine` und neueren Hits wie ´High Hopes` oder ´Coming Back To Life` spielten Pink Floyd zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ihr komplettes Meisterwerk The Dark Side Of The Moon, inklusive aller packenden Soundeinspielungen und spektakulären Videosequenzen. Ein multimediales Spektakel allerhöchster Güte, das es in dieser Form bislang kein weiteres Mal gegeben hat - und wohl leider auch nie wieder geben wird.

Zwölf Jahre nach diesem epochalen Ereignis wird nun der Konzertfilm der 94er Tour, das großartige P.U.L.S.E., endlich auch als lange angekündigte DVD veröffentlicht. Die Filmaufnahmen vom 14. Oktober 1994 zeigen Pink Floyd an einem ihrer insgesamt vierzehn direkt aufeinander folgenden Konzertabende im Londoner Earls Court. Die Doppel-DVD umfasst das komplette Konzertprogramm plus rare Backstage-Aufnahmen, eine packende Tourdokumentation und viele bislang unveröffentlichte Extras wie etwa ´Bootlegging The Bootleggers`. Der Faszination dieser Band kann man sich nicht entziehen, dieses dokumentiert P.U.L.S.E. wie kein anderer Mitschnitt zuvor.

Entstanden waren Pink Floyd Mitte der Sechziger. David Gilmour und Syd Barrett kannten sich noch aus ihrer Kindheit, hatten gemeinsam am ´Cambridgeshire College of Arts and Technology` studiert und einträchtig die ersten Griffe auf der Gitarre gelernt. 1965 schloss sich Barrett dem Trio Roger Waters (Gesang, Bass), Rick Wright (Keyboards) und Nick Mason (Schlagzeug) an und gründete Pink Floyd. Im Frühjahr entstand das Debüt Piper At The Gates Of Dawn mit progressiv-psychedelischen Klängen, die bis an den Rand der Avantgarde heranreichten. Doch bereits Ende 1967 bekam die Band ernsthafte Probleme mit dem eigenwilligen Barrett, der dem körperlichen und mentalen Stress einer ehrgeizigen Band nicht gewachsen war. Mehrfach mussten Pink Floyd ihre Konzerte abbrechen oder kurzfristig verschieben, weil Hauptsongschreiber Barrett vollkommen ausgebrannt war. Deshalb wurde Herbst 1967 David Gilmour als fünftes Gruppenmitglied verpflichtet, der die Besetzung stabilisieren sollte. Zunächst traten Pink Floyd als Quintett auf, also mit Gilmour und Barrett, doch nach weiteren internen Querelen entschied die Band im Februar 1968, sich von ihrem Sorgendkind zu trennen. Fortan bestanden Pink Floyd aus Waters, Gilmour, Wright und Mason - ein Quartett, das in seiner Karriere mehr als 150 Millionen Tonträger verkauft hat. Tendenz unaufhörlich steigend.

Die Band produzierte Ende der Sechziger mit A Saucerful Of Secrets, dem Soundtrack More und dem zur Hälfte aus Live-Aufnahmen bestehenden Ummagumma drei viel beachtete Werke und festigte damit ihre Reputation als eine der innovativsten Rockgruppen ihrer Zeit. Die Siebziger Jahre begannen mit dem eher bizarren Atom Heart Mother, bevor Pink Floyd mit Meddle quasi die Grundlagen für ihre gigantischen Erfolge der kommenden Jahre legten. Meddle zeigte die vier Musiker in der Übergangsphase von einer überaus experimentellen Rockband zu einer Formation, die ihre Fühler zunehmend stärker auch in Pop-Gefilde ausstreckte, ohne dabei jedoch ihre innovativen Fähigkeiten und ihre eigenen Stilmittel zu vernachlässigen. Songs wie ´One of These Days` und das eine komplette LP-Seite einnehmende ´Echoes` sind mehr als nur die grandiosen Vorläufer zu The Dark Side Of The Moon sondern eigenständige Klassiker der Floyd-Historie.

Doch all das, was bis dahin an Sensationellem, Spektakulärem und Erfolgreichem hinter Pink Floyd lag, wurde im Frühjahr 1973 mit einem Schlag um ein Vielfaches übertroffen. In den Annalen der Rockgeschichte gehört The Dark Side Of The Moon ohne Zweifel zu den fünf wichtigsten Scheiben aller Zeiten. Ein Monumentalwerk, das in den Londoner Abbey Road Studios eingespielt wurde und sich bis heute weit über 40 Millionen Mal verkauft hat. Das Album hielt sich 15 Jahre lang ununterbrochen in den Billboard 200 Charts. Trotz seines Alters von mittlerweile fast 35 Jahren hat dieses Werk auch heute weder inhaltlich noch produktionstechnisch irgendetwas von seiner Faszination eingebüßt. Inhaltlich dreht sich das Album um - wie es Schlagzeuger Mason formuliert - den "Druck des täglichen Lebens: Reisen, Geld, Wahnsinn." Bereits im Jahr zuvor hatten Pink Floyd die Songs unter dem provisorischen Titel ´Eclipse` auf Tournee gespielt und damit die Grundlage für die inspirierte Aufnahmesession in Londons Metropole geschaffen. Die Welt war verzückt von Singlehits wie ´Money` oder ´Time`, aber auch von der pulsierenden Dichte in Stücken wie ´Breathe`, ´Us And Them` oder ´The Great Gig In The Sky`.

Anschließend konnte die Band auf höchstem Niveau nachlegen. Der The Dark Side Of The Moon-Nachfolger Wish You Were Here war von ebenso beeindruckender Atmosphäre und hatte neben dem wunderbaren Titelsong mit ´Shine On You Crazy Diamonds` eine überaus gelungene Hommage an den "verlorenen Sohn" Syd Barrett. Das anschließende Animals (1977) gilt bei Kritikern als eher schwächeres Werk, besaß aber vor allem mit ´Sheep` einen Song, der sowohl auf Wish You Were Here als auch auf dem folgenden The Wall seinen Platz gefunden hätte. The Wall war eine Art Befreiungsschlag von Roger Waters, der von den verhaltenen Reaktionen der Fans und Medien auf Animals enttäuscht war und sich mit diesem außergewöhnlichen Werk Luft machte. Das 1979 veröffentlichte Album kulminiert in der Single ´Another Brick In The Wall` und hat sich weltweit mehr als 20 Millionen Mal verkauft. Gleichzeitig zeigte sich speziell an diesem Opus, das die Floyd-Besetzung Anfang der Achtziger in sich zerrissen war. Waters feuerte Keyboarder Rick Wright und degradierte seine Band auf The Final Cut (1983) zu reinen Studiomusikern ohne eigene kreative Beiträge. Das Opus bestand aus Stücken, die nicht mehr ins Konzept von The Wall gepasst hatten, besaß aber nicht die packende Dichte der bisherigen Veröffentlichungen.

1985 verließ Waters die Gruppe und setzte seine Karriere als Solokünstler fort. Gilmour und Mason holten Wright zurück zu Pink Floyd und produzierten 1987 A Momentary Lapse Of Reason, gefolgt vom erstklassigen The Division Bell, das Pink Floyd anschließend auf die erfolgreichste Tournee ihrer Laufbahn gehen ließ. Zwischen diesen beiden Alben lagen eine Reihe erfolgreicher Konzerte und der Live-Mitschnitt Delicate Sound Of Thunder, der es auf erstaunliche elf Millionen Verkäufe brachte. Aufnahmen der The Division Bell-Tour kamen 1995 als Live-Album (und VHS-Kassette) Pulse in die Geschäfte, anschließend folgte noch die Hitkollektion Echoes. Um die Frage, ob Pink Floyd anno 2006 noch eine aktive Band sind, kursieren viele widersprüchliche Gerüchte. Das Bühnen-Comeback der Band in Originalbesetzung (also inklusive Roger Waters) beim Live8-Spektakel von Bob Geldof im Juni 2005 nährte zumindest die Hoffnung auf weitere Großtaten. Und die jetzt endlich vorliegende brandneue Doppel-DVD P.U.L.S.E. wird sicherlich nicht eben zur Abschwächung eines derartigen Wunschs beitragen.